„Wir bezahlen mit unserem Blut für die Wirtschaftskrise Europas“

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Interview mit der Regierung der Volksrepublik Donezk,
veröffentlicht am 10. Mai 2014 auf Hintergrund

Vladimir Ivanovich Markovich ist Sprecher der Volksrepublik Donezk und gehört dem neunköpfigen Gremium der Übergangsregierung an. Hintergrund-Redakteurin Susann Witt-Stahl traf ihn in dem von Separatisten besetzten Bezirksregierungsgebäude in Donezk.

Bitte erklären Sie doch einmal den Konflikt, den Sie mit der Regierung in Kiew haben.

Die Hauptursache ist Geld. Es geht nicht um Politik – es geht um Geld. Gegen die Region Donbass wird ein Wirtschaftskrieg geführt. In der Ukraine und in Polen sollen 60 Minen und Stahlwerke geschlossen werden. Die EU hat die ukrainische Regierung zu diesem Schritt bewogen, um der britischen und deutschen Schwerindustrie zu einem neuen Aufschwung zu verhelfen und ihr Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. In der Umgebung von Donezk sind Spezialeinheiten in der Umgebung unterwegs und töten Bergleute, die ihre Arbeit verloren haben und auf die Barrikaden gegangen sind. Das ist schlimm für uns. Sie werden noch mehr Minen schließen. Daher sollen die Bergarbeiter im Westen und Osten der Ukraine und in Polen sich zusammenschließen, um Widerstand gegen die EU-Politik zu leisten.

Wie genau lautet Ihre Agenda?

Wir wollen die Trennung. Wir wollen nicht mehr für die anderen Oblaste der Ukraine die Arbeit machen. Sie leben von unserem Geld. Die Region Donbass war vor rund hundert Jahren, lange vor der Besatzung durch die Deutschen 1941, schon einmal unabhängig und hieß Donetsk-Krivoy Rog Soviet Republic*. Vorsitzender des Zentralrats war der Sozialist Fyodor Sergeyev, der nach der Februar-Revolution 1917 aus dem australischen Exil zurückgekommen war und die Verstaatlichung aller Industriezentren durchgesetzt hatte, die im Osten der Ukraine konzentriert waren. Die Idee war, dass wirtschaftsstarke Regionen unabhängig sind. Unter Stalin und Breschnew in der Republik Ukraine war die Wirtschaftsbilanz dann auch gut. Bis heute ist Donbass die bedeutendste ökonomische Kraft der Ukraine.** Aber nun wollen die EU-Länder Macht über die Region gewinnen und ihre Ökonomien auf unsere Kosten regenerieren.  

Wie ist Ihr aktuelles Verhältnis zur Ukraine?

Zwischen unserer Republik und der Ukraine gibt es eine Grenze. Die Ukraine ist unser Nachbarland. Momentan ist sie kein guter Nachbar. Aber wir müssen mit ihnen leben. Auf unserem Territorium hat der Präsident der Ukraine keine Regierungsgewalt. Hier regiert ein Präsident der Volksrepublik Donezk.

… aber die ukrainische Armee operiert auf dem Boden dieser Region …

Wir haben sie nicht gebeten, hier her zu kommen. Die ukrainische Regierung ist nicht legal an die Macht gekommen. Nun lässt sie in Slawjansk friedliche Bürger angreifen und töten. Wir kämpfen dort gegen die ukrainische Armee. Eines ihrer Sonderkommandos hat neulich russische Journalisten entführt.

Ist auch der Rechte Sektor hier in der Region aktiv?

Ja. Ihre Kräfte sind nicht stark genug, um anzugreifen. Die Sicherheitslage kann sich jederzeit, von Stunde zu Stunde, ändern. Nicht einmal dieses Gebäude hier ist sicher.

Wie bewerten Sie die Ukraine-Politik der EU und im Speziellen Deutschlands?

Die deutsche Regierung arbeitet eng mit den Machthabern in Kiew zusammen. Wir bezahlen mit unserem Blut für die wirtschaftliche Krise Europas. Jeder Regierung sorgt für ihre Landsleute, aber das ist kein legitimer Grund, Blut zu vergießen.   

Was soll nun geschehen?

Wir werden eine große Republik sein. Das Wichtigste ist, dass wir uns nicht gegenseitig töten. Das gilt für die USA, die EU, Russland. Schauen Sie sich auf allen Stockwerken um: Sie werden keine Waffen finden. Aber wir stellen uns der ukrainischen Armee entgegen. Wir wollen in Frieden leben – mit allen. Die Regierung in Kiew hingegen ist nicht von der Bevölkerung gewählt worden, sondern durch einen Krieg an die Macht gekommen. Sie ist eine Junta.

Was werden Sie tun, wenn die ukrainische Armee gegen Donezk vorrückt?

Unsere Region ist ein Teil des historischen Russ. Wir sind nicht allein. Wir werden Russland um Hilfe bitten. Außerdem ist Donbass eine sehr internationale Region. Hier leben etwa 150 Ethnien.

Wie stark ist Ihr Rückhalt in der Bevölkerung?

Das wissen wir, wenn wir das Ergebnis des Referendums haben. Wir können nicht sagen, was sie tun wird. Es ist sehr gefährlich, sich gegen die ukrainische Armee zu wehren. Die Situation ist unterschiedlich von Ort zu Ort. Wie sehen, was derzeit in Slawjansk geschieht, und wir werden sehen, wie die Menschen in Donezk sich verhalten werden. Am 11. Mai kennen wir ihre Meinung. Dann wissen auch die USA, die EU und Russland Bescheid.   

Wie lautet Ihre Botschaft an die deutsche Regierung?

Geben Sie der ukrainischen Regierung kein Geld mehr dafür, dass alle Minen in unserer Gegend geschlossen werden! Mit Ihrer Unterstützung wächst der Faschismus in unserem Land; mit der Hilfe Ihres Geldes werden Bürger der Volksrepublik Donezk umgebracht. Sie sollten lieber Geld in etwas Gutes für die Menschen investieren, nicht fürs Töten.
 
Vielen Dank.

 

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