Erinnern, lernen, handeln: Zum 100. Geburtstag Fidel Castros
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- Kategorie: RO Leipzig-Umland
- Veröffentlicht am Mittwoch, 27. Mai 2026 12:38
- Geschrieben von RO Leipzig-Umland
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Am 13. August dieses Jahres würde Fidel Castro, der historische Führer der kubanischen Revolution, 100 Jahre alt werden. Weltweit finden aus diesem Anlass Veranstaltungen, Konferenzen und Gedenkfeiern statt, die an sein politisches Wirken und an die Bedeutung der kubanischen Revolution für den antiimperialistischen Kampf erinnern.

In der Bundesrepublik wie auch international beteiligen sich Kommunisten und fortschrittliche Kräfte an diesem Gedenken. So fand am 15. Mai in Leipzig die Veranstaltung „Fidel Castros Denken – Inspiration zum Handeln“ statt, an der Vertreter verschiedener Organisationen, darunter die KPD, mit Beiträgen mitwirkten. Nur wenige Tage später nahm die KPD auch an einer internationalen wissenschaftlich-praktischen Konferenz auf Einladung der KPRF in Moskau teil, die im Rahmen des III. Moskauer Internationalen Antifaschistischen Forums durchgeführt wurde. Unter dem Titel „Fidel Castro, Ernesto Che Guevara und Hugo Chávez – Symbole des weltweiten revolutionären Prozesses“ diskutierten Teilnehmer aus zahlreichen Ländern über das Vermächtnis dieser revolutionären Persönlichkeiten sowie über aktuelle Herausforderungen des antiimperialistischen und antifaschistischen Kampfes.
Die zahlreichen Veranstaltungen zeigen: Das politische Erbe Fidel Castros wirkt weit über Kuba hinaus fort. Seine konsequente Haltung gegen Imperialismus, Ausbeutung und Unterdrückung bleibt für viele Menschen weltweit eine Quelle der Inspiration und Orientierung.
Die Leipziger Veranstaltung wurde von der AG Cuba Sí, Regionalgruppe Leipzig und der Kommunistischen Plattform ausgerichtet unter Mitwirkung mehrerer Vertreter der kubanischen Botschaft und zahlreicher weiterer Organisationen. Im Folgenden dokumentieren wir den Redebeitrag den Mike Nagler für die KPD, auf der Leipziger Veranstaltung am 15. Mai gehalten hat.
Herzlichen Dank für die Organisation dieser Veranstaltung und die Einladung.
Liebe Genossinnen und Genossen,
liebe Freundinnen und Freunde Kubas,
sehr geehrte Frau Botschafterin,
liebe kubanische Gäste,
anlässlich des diesjährigen 100. Geburtstags Fidel Castros erinnern wir heute an einen Revolutionär, dessen Leben und politisches Wirken weit über Kuba hinaus Menschen bewegt und geprägt haben. Fidel Castro sagte am 1. Mai 2000 auf dem Platz der Revolution in Havanna: „Revolution bedeutet Bescheidenheit, Uneigennützigkeit, Altruismus, Solidarität und Heroismus.“
Und weiter: „Revolution ist Einheit, Unabhängigkeit und der Kampf für unsere Träume von Gerechtigkeit für Kuba und für die Welt.“
Diese Worte beschreiben nicht nur ein politisches Ideal. Sie beschreiben den Weg, den Kuba seit dem Sieg der Revolution 1959 gegangen ist.
Denn die kubanische Revolution verstand sich nie nur als nationale Angelegenheit. Von Beginn an war sie verbunden mit dem Kampf der unterdrückten Völker gegen Kolonialismus, Ausbeutung und imperialistische Herrschaft.Als die Revolution siegte, bedeutete das weit mehr als einen Regierungswechsel. Die Herrschaft der Großgrundbesitzer, der Korruption, der Mafia und der direkten Kontrolle durch die Vereinigten Staaten wurde beendet. Kuba begann, seinen eigenen Weg zu gehen — unter schwierigsten Bedingungen und unter ständigem Druck der mächtigsten imperialistischen Macht der Welt.
Seit mehr als sechs Jahrzehnten versuchen die USA, Kuba wirtschaftlich zu ersticken und politisch zu isolieren. Die Blockade gegen Kuba dauert inzwischen länger als ein Menschenleben. Sie erschwert den Zugang zu Medikamenten, Ersatzteilen, Treibstoff und Lebensmitteln. Sie trifft tagtäglich die Bevölkerung Kubas.
Und gleichzeitig erleben wir bis heute Drohungen, Destabilisierungsversuche und Interventionen gegen souveräne Staaten Lateinamerikas und gegen alle Länder, die versuchen, ihren eigenen unabhängigen Weg zu gehen.
Und dennoch hat Kuba nie aufgehört, solidarisch zu handeln.
Gerade darin zeigt sich vielleicht am deutlichsten der revolutionäre Geist, von dem Fidel sprach.
Schon kurz nach dem Sieg der Revolution unterstützte Kuba die antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Kuba stand an der Seite der Völker Angolas, Mozambiques und Namibias im Kampf gegen Kolonialismus, Apartheid und Unterdrückung.
Die Trikontinentale Konferenz in Havanna wurde zu einem Symbol internationaler Solidarität der unterdrückten Völker.
Während mächtige Staaten Kriege, Waffen und Ausbeutung exportierten, entsandte Kuba Ärzte, Lehrer und Helfer.
Und bis heute setzt Kuba diese Tradition fort. Kubanische Ärztebrigaden halfen in Afrika gegen Ebola, unterstützten zahlreiche Länder während der Corona-Pandemie und leisten weltweit medizinische Hilfe — trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten und trotz der Blockade.
Das alles geschieht nicht aus Reichtum. Es geschieht aus einer politischen und moralischen Überzeugung heraus: Der Überzeugung das Solidarität stärker sein muss als Konkurrenz und Profitdenken.
Gerade hier in Leipzig und in Ostdeutschland wissen viele Menschen noch, wie eng die Beziehungen zwischen Kuba und der DDR waren. Kuba war 1960 das erste lateinamerikanische Land, das die DDR diplomatisch anerkannte.
Bereits 1961 wurde ein erstes Abkommen zwischen beiden Staaten unterzeichnet. Viele Ältere erinnern sich noch daran: Auch die DDR wurde massiv vom „Westen“ sanktioniert und unter Druck gesetzt, um ihre Entwicklung zu behindern.
Nach der Annexion der DDR wurden durch die Bundesregierung zahlreiche Verträge und Vereinbarungen mit Kuba einseitig aufgehoben — ohne Rücksicht auf die Folgen für die kubanische Bevölkerung.
Dabei war die DDR nach der Sowjetunion einer der wichtigsten Wirtschafts- und Handelspartner Kubas. Mit ihrer Hilfe entstanden auf Kuba über 2.000 Betriebe. Viele davon arbeiten bis heute. Noch immer werden auf Kuba technische Geräte aus DDR-Produktion genutzt.
An den Universitäten in Rostock, Berlin und auch hier in Leipzig gab es Lateinamerikawissenschaften mit besonderem Schwerpunkt Kuba.Und auch wenn die DDR nicht mehr existiert — die Menschen existieren noch. Und viele von ihnen fühlen sich Kuba bis heute eng verbunden. Vielleicht auch deshalb, weil Kuba trotz aller Widrigkeiten an etwas festgehalten hat, das vielen Menschen hier nach 1989 genommen wurde: An der Hoffnung auf eine solidarische Gesellschaft.
Die Ablehnung der Blockade ist deshalb keine Frage bloßer Sympathie oder Ideologie. Es geht um die Verteidigung der Gerechtigkeit. Es geht um den elementaren Sinn für Menschlichkeit.
Auch einer meiner politischen Zugänge zu Lateinamerika begann mit Kuba:
Als ich 17 Jahre alt war, las ich das „Bolivianische Tagebuch“ von Che Guevara. Dieses Buch beeindruckte mich so sehr, dass ich nach meiner Ausbildung selbst nach Bolivien reiste. Ich besuchte Orte, die im Tagebuch erwähnt werden — Orte, die bis heute mit Hoffnung, Kampf und Widerstand verbunden sind.
Dort wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, dass die Kämpfe Lateinamerikas keine Geschichte der Vergangenheit sind.
Während meines Aufenthalts erlebte ich den sogenannten „Wasserkrieg“ in Bolivien. Die Regierung hatte die Wasserversorgung privatisiert und an ein ausländisches Konsortium verkauft. Für viele Menschen wurde selbst Wasser unbezahlbar. Doch Arbeiter, Bauern, Verbände der Indigenen, Studenten und viele andere organisierten sich gemeinsam — und sie waren erfolgreich.
Diese Erfahrung hat mich geprägt.
Sie hat mir gezeigt, dass Menschen sehr viel bewegen können, wenn sie ihre gemeinsamen Interessen erkennen und sich organisieren.
Und genau dieses Vertrauen in die Kraft der Menschen zieht sich auch durch das gesamte Leben Fidel Castros und durch die Geschichte der kubanischen Revolution.
Fidel sagte: „Revolution ist die tiefe Überzeugung, dass es keine Kraft auf der Welt gibt, die die Macht der Wahrheit und der Ideen zerstören kann.“
Wie aktuell ist das heute.
Denn Fidel Castro verstand früh, dass der Kampf nicht nur um Territorien oder Regierungen geführt wird — sondern auch um das Bewusstsein der Menschen.
Er sagte einmal: „Die Lüge beeinträchtigt das Wissen, der konditionierte Reflex beeinträchtigt die Fähigkeit, zu denken.“
Und weiter: „Wir werden das Märchen nicht glauben, dass die westlichen Medien dazu bestimmt sind, Werte wie Solidarität, Gefühle von Brüderlichkeit und den Geist der Gerechtigkeit zu schaffen.“ (Zitatende)
In einer Zeit permanenter Manipulation, der Vereinzelung und eines Systems, das Konkurrenz und Egoismus zur Norm erklärt, bleibt die Verteidigung von Solidarität, Menschlichkeit und gesellschaftlichem Bewusstsein eine revolutionäre Aufgabe.
Bis in seine letzten Lebensjahre sprach Fidel über die großen Fragen unserer Zeit — über Krieg, soziale Ungleichheit, Umweltzerstörung und die Verantwortung des Menschen.
In einer seiner letzten Reden auf dem Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas im Jahr 2016 sagte er:
„Warum bin ich Sozialist geworden, noch klarer, warum habe ich mich in einen Kommunisten verwandelt? Dieses Wort steht für ein Konzept, das in der Geschichte am meisten verfälscht und verleumdet wurde …“
Und genau das erleben wir bis heute. Denn wenn heute über Sozialismus oder Kommunismus gesprochen wird, dann meist nicht, um zu verstehen, warum Menschen für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen — sondern um diese Ideen lächerlich zu machen, zu verzerren oder aus dem Bewusstsein zu verdrängen.
Fidel sprach dabei auch über seine eigene politische Entwicklung. Er sagte, dass er sich seine Überzeugungen nicht blind angeeignet habe, sondern aus der Auseinandersetzung mit der Realität von Ausbeutung, Ungleichheit und imperialistischer Herrschaft.
Und er erinnerte an die Bedeutung Lenins und der Russischen Revolution — eines Ereignisses, das den Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus weltweit veränderte.
Die Zerstörung der Sowjetunion bezeichnete er als schmerzhafte Niederlage und „historische Lektion“. Zugleich verband er damit die Hoffnung, dass die Menschheit nicht erneut Jahrzehnte warten müsse, bis eine neue große soziale Revolution entsteht.
Auch darin liegt eine wichtige Botschaft für unsere Zeit.
Denn Fidel verstand Geschichte nie als etwas Abgeschlossenes.
Er glaubte daran, dass Menschen lernen, kämpfen und neue Wege finden können — selbst nach Niederlagen und Rückschlägen.
Und genau darum geht es bis heute:
Um die Frage, ob die Gesellschaft nach Profitinteressen organisiert wird — oder nach den Bedürfnissen der Menschen.Ob Konkurrenz und Ausbeutung ewig bestehen sollen — oder ob Solidarität und gesellschaftliche Vernunft möglich sind.
Und vielleicht liegt gerade darin die bleibende Aktualität seiner Worte. Denn die Probleme, über die Fidel sprach — Krieg, soziale Ungleichheit, Umweltzerstörung, die Macht der Konzerne und die Manipulation des Bewusstseins — sie sind heute größer geworden, nicht kleiner.
Und gerade deshalb bleibt Kuba für viele Menschen auf der Welt weit mehr als eine Insel.
Kuba ist der lebendige Beweis dafür, dass Widerstand möglich ist. Dass Würde nicht käuflich ist.
Dass ein kleines Land dem mächtigsten Imperium der Welt widerstehen kann.
Und dass Menschen Geschichte verändern können.
Darum erinnern wir heute nicht nur an Fidel Castro.
Wir erinnern uns daran, dass Befreiung niemals geschenkt wird.
Dass kein Volk gerettet wird, wenn es nicht selbst kämpft.
Und dass die Hoffnung auf eine gerechte Gesellschaft nur dann lebt, wenn Menschen bereit sind, für sie einzustehen.Diejenigen, die gegen Kolonialismus kämpften,
diejenigen, die in Afrika ihre Solidarität gaben,
diejenigen, die in Kuba trotz Blockade am Sozialismus festhalten,
und diejenigen, die überall auf der Welt gegen Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung aufstehen —
sie alle zeigen uns:
Geschichte ist nicht beendet.
Die befreite Gesellschaft bleibt möglich.
Aber niemand wird sie für uns erkämpfen.
Das, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde — müssen wir schon selbst tun.
Vielen Dank.















