Kritisches über „Gedanken zum Untergang“ der DDR - Teil 3 von 3
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- Kategorie: Diskussion
- Veröffentlicht am Mittwoch, 15. April 2026 09:37
- Geschrieben von estro
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vom Kollektiv zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung
Die Beschreibung Walter Ulbrichts und des NÖSPL durch Kotulla ist durchweg positiv, fast apologetisch. Richtig und wichtig ist, Ulbricht als proletarischen Revolutionär und Antifaschisten zu würdigen und das NÖSPL als einen alternativen Versuch darzustellen, der die Produktivkraftentwicklung mit den Mitteln politischer, ökonomischer und ideologischer Einflussnahme ins Zentrum der Auseinandersetzungen stellte. Doch eine kritische Würdigung muss die Kehrseite, die immanenten Gefahren und Widersprüche, herausarbeiten und deutlich kennzeichnen. Kotulla unterlässt dies vollständig. Das subjektivistische Hervorheben willkürlich gewählter Aspekte vernebelt die Dynamik der inneren Kämpfe und verhindert ein wirkliches fundiert-kritisches Verständnis der Triebkräfte und Konflikte innerhalb der DDR-Gesellschaft. Die weit in die Gesellschaft hineinwirkenden politischen, ökonomischen und ideologischen Auseinandersetzungen um Plan oder/und Markt stellt der Autor zudem einzig als Kämpfe zwischen führenden politischen Entscheidungsträgern dar. Dies verleiht der Darstellung eine auf Personen fixierte Form, die die wesentlichen Momente der gesellschaftlichen Erscheinungsformen verschleiert. Aus marxistischer Sicht ist die herausgehobene Persönlichkeit Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse, niemals aber wesentlicher Gestaltungsfaktor. Der von Kotulla betriebene idealisierende Reduktionismus sollte seit Plechanows „Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte“ eigentlich längst ausgedient haben.
Die verdrängte Dialektik: Äußerer Druck und innere Widersprüche
Eine dialektische Analyse muss zeigen, wie der äußere Druck die inneren Widersprüche des Reformkurses – etwa zwischen Effizienzsteigerung und sozialistischer Bewusstseinsbildung, zwischen materieller Stimulierung und kollektivem Eigentum – nicht nur verschärfte, sondern ihnen auch eine bestimmte, dem Sozialismus feindliche Richtung aufzwang. Die Tatsache, dass die DDR nicht in der Lage war, diesen Widerspruch zu ihren Gunsten zu lösen, ist ein wichtiges Moment ihres Scheiterns, nicht die bloße Existenz des äußeren Drucks. Kotullas Kausalzusammenhang ist somit ein unwissenschaftlich verkürzter.
Eine solidarische Kritik darf nicht beschönigen. Sie muss den Charakter konkreter Widersprüche im Sozialismus aufzeigen: den Widerspruch zwischen den entwickelten sozialistischen Produktionsverhältnissen und den nicht überwundenen Resten kapitalistischer Verhältnisse in Produktion, Distribution und Bewusstsein; den Widerspruch zwischen den Anforderungen der Produktivkraftentwicklung und der Gefahr der Restauration; den Widerspruch zwischen der Führungsrolle der Partei und der Tendenz zur Bürokratisierung und Entfremdung. Diese Widersprüche sind Triebkräfte der Entwicklung – oder, wenn sie verleugnet werden, des Niedergangs.
Kotullas Artikel ist eine eindimensionale Würdigung des Reformansatzes, ohne diese dialektischen Widerspruchszusammenhänge auch nur anzudeuten. Er betreibt damit letztlich auch eine Form der Entpolitisierung der ökonomischen Debatte, indem er sie auf eine Frage der technischen Effizienzsteigerung reduziert.
Das Ende der DDR war kein isoliertes ökonomisches Versagen, es war eine historisch temporäre Niederlage im globalen Klassenkampf. Eine sozialistische Politik, die Bestand haben will, muss den unversöhnlichen Kampf gegen den Imperialismus in den Mittelpunkt stellen und alle Ideen eines illusionären Klassenfriedens als kampfunfähig machenden Einfluss zerstören. Kotulla verliert dieses politische Primat aus den Augen, wenn er meint, durch marktorientierte ökonomische Effizienz ließe sich die Systemkonkurrenz gewinnen. Damit landet er, trotz aller guten Absichten, in der Sackgasse eines reformistischen Ökonomismus.
Einige Ansätze, aus der Geschichte für den Klassenkampf zu lernen
Das wichtigste Kriterium jeder kommunistischen Kritik muss ihre Orientierung auf das Mögliche einer künftigen Praxis darstellen. Aus der Auseinandersetzung mit den „Gedanken über den Untergang“ der DDR ergeben sich aus unserer Sicht folgende mögliche Ansätze für den heutigen und künftigen Kampf.
Was folgt also aus einer wissenschaftlich orientierten Auseinandersetzung mit der DDR und dem NÖSPL?
1. Die Untrennbarkeit von Politik und Ökonomie im Sozialismus
Die politische Machtfrage, die Diktatur des Proletariats, muss stets die Wirtschaft führen. Ökonomische Reformen, die dieses Primat der Politik untergraben oder es einem vermeintlich „sozialistischen“ Markt unterordnen, führen unweigerlich in die Restauration. Die Formel „Wer den Markterfordernissen nicht genügt...“ ist daher fatal. Sie ersetzt den Klassenkampf durch ökonomische Reformen.
2. Die Dialektik von Plan und Markt ist keine technische, sondern eine ideologisch-politische Aufgabe
Die Frage ist nicht „ob“, sondern „wie“ und vor allem „wessen Interessen dienend“. Jede Nutzung marktförmiger Kategorien muss zeitlich streng und räumlich eng begrenzt und politisch-ideologisch rücksichtslos kontrolliert werden. Das Ziel kann niemals die dauerhafte Implementierung von Marktmechanismen sein, diese können nur zur vorübergehenden Überwindung konkreter Mängel angewendet werden, um danach auf einer höheren Stufe zur reinen Planung zurückkehren zu können. Das NÖSPL verfestigte hingegen den „sozialistischen Markt“ dauerhaft.
3. Die Gefahr der inneren Degeneration und Bürokratisierung
Eine kommunistische Partei muss sich unablässig gegen die Herausbildung einer von den Massen entfremdeten, eigene Interessen entwickelnden, Bürokratie und Technokratie wehren. Reformen, die die Macht von Betriebsdirektoren und technischen Eliten auf Kosten der kollektiven Kontrolle durch die Arbeiterklasse und ihrer Partei stärken, fördern diese Tendenz.
4. Die Unmöglichkeit, den Kapitalismus auf seiner eigenen Rennstrecke zu überholen
Die Metapher vom „Überholen“ ist grundfalsch. Die Stärke des Sozialismus liegt nicht in der höheren Profitrate, sondern in der Überwindung der Ausbeutung, in der planmäßigen Bedürfnisbefriedigung und in der Entwicklung eines neuen, kollektiven Bewusstseins. Der Kampf gegen den Imperialismus ist primär ein politisch-ideologischer Kampf um die Köpfe der Menschen. Eine Politik, die diese Überlegenheit zugunsten kurzfristiger ökonomischer „Effizienz“ opfert, verliert ihre Kraft und langfristig die entscheidenden Kämpfe.
5. Die Notwendigkeit schonungsloser, selbstkritischer Analyse
Unsere Pflicht als Kommunisten ist es, das Erbe der DDR und der Sowjetunion kritisch-positiv zu würdigen. Ihre historisch einzigartigen Leistungen – die Schaffung sozialistischer Gesellschaften unter extrem feindlichen Bedingungen – sind uneingeschränkt zu verteidigen. Gleichzeitig müssen wir ihre inneren Widersprüche, ihre theoretischen und praktischen Fehler und die Ursachen ihrer Niederlage schonungslos analysieren. Nicht um zu verdammen, sondern um zu lernen! Nur eine solche dialektische Bewegung kritischer Aneignung bringt die theoretischen Werkzeuge zum Einsatz, die wir für den unvermeidlich bevorstehenden neuen Anlauf im Kampf um den Sozialismus benötigen.
Schlussziehung: „Nur“ ein Anstoß, der die Wichtigkeit marxistischer Wissenschaftlichkeit aufzeigt
Reiner Kotulla hat das Verdienst, ein wichtiges, oft umgangenes oder schnell mit Worthülsen abgetanes Thema wieder in die Diskussion gebracht zu haben. Sein Artikel fördert hoffentlich den Diskussionsimpuls auf's Neue. Unsere Kritik soll dazu beitragen, die notwendigen Anstrengungen künftiger Diskussionen für eine wissenschaftliche, kämpferisch-solidarische und somit einheitsstiftende Aufarbeitung zu erleichtern. Denn nur auf der Grundlage des dialektischen und historischen Materialismus können aus der Geschichte praktisch wirksame Lehren für die Zukunft gewonnen werden. Kotullas „Gedanken“ leisten dazu „nur“ einen anstoßenden Beitrag. Die eigentliche Arbeit – die wissenschaftliche, kritische und selbstkritische Aufarbeitung – steht uns Kommunisten noch bevor. Sie ist unerlässlich, wenn die nächste Runde im weltgeschichtlichen Klassenkampf nicht erneut mit unserer (temporären) Niederlage enden soll.















